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Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Brecht

Саратовский Академический ТЮЗ Киселева, Saratow, Russland

"Der Schnee beginnt zu treiben. 
Wer wird denn da bleiben? 
Da bleiben wie immer auch heut' 
Der steinige Boden und die armen Leut."

Brecht zeigt in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe eine große Börsenspekulation vor dem Hintergrund einer Überproduktionskrise. Er verlegt die Schlachtplätze aus Schillers Jungfrau von Orleans auf die Viehhöfe und die Fleischbörse Chicagos, wo zufolge des weit entwickelten Kapitalismus die Widersprüche der Gesellschaft besonders deutlich an den Tag treten. Johanna Dark, eine Heilsarmee Soldatin, sieht die von den Fleischfabriken ausgesperrten und hungernden Arbeiter und deckt auf ihrer Suche nach einer Lösung für die Arbeitskrise stückweise die Zusammenhänge des Finanzmarktsystems auf. Sie versteht, dass es sich bei der Krise nicht um ein naturgegebenes Unglück eines verstopften Marktes handelt, wie es die Fleischbosse darstellen, sondern um eine Folge einer maßlosen Gier nach dem eigenen Vorteil. Auch muss sie letztlich ihre eigene Rolle in diesem Ausbeutungssystem erkennen, das sie durch ihre Appelle für Gewaltlosigkeit und Ordnung aufrecht zu erhalten beigetragen hat.

Brecht beschreibt eine Gesellschaft, die durch Gier nach persönlichem Profit an den Abgrund getrieben ist. Moral und soziale Verantwortung dienen als Vorwand, um die allumfassende Ausbeutung zu legitimieren und den Prozess des zerstörerischen ungezügelten Finanzkapitalismus selbst in der Krise weiter zu führen. Johannas naiver Glaube an Nächstenliebe und Solidarität zerbricht an dem skrupellosen Profitstreben aller Parteien. Schließlich auch von den Armen verstoßen geht sie auf den Schlachthöfen zugrunde. In Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe sind die scheinbar undurchschaubaren Funktionsweisen der Börsenspekulation in ihrer ganzen Absurdität und Brutalität beispielhaft dargestellt und nachvollziehbar gemacht. Das Stück zeigt eine Gesellschaft, deren Unmenschlichkeit sich immer weiter pervertiert, nicht weil sie nicht verändert werden kann, sondern weil die kurzfristigen egoistischen Interessen aller Beteiligten einer solchen Veränderung im Wege stehen. Brecht zeigt auch wie sich das „System von Kauf und Verkauf“ des ordnungfördernden Werks der Kirche bedient, um die Armen unten und die Reichen oben zu halten.

Mit: Valery Emelyanov, Alexandra Karelskih, Evfeniy Safonov, Alexey Karabanov, Tatiana Chupikova, Alexey Chernyishev, Victoe Storozhenko, Tamara Tzihan, Ruslam Divlyatshin, Anna Bogradona, Andrey Gudim, Iilya Zyzin, Marina Klimova, Andrey Korenev, Maria Luchkova, Yulia Mesheryakova, Alexander Tremasov

Regie: Andreas Merz Raykov

Bühne und Kostüme: Elena Stepanova

Stimmen zur Inszenierung:

TUZ-Saratow, 10.04.2013
Wolf Iro, Leiter der kulturellen Programmarbeit des Goethe Regionalinstituts in Moskau und Programmleiter des Deutschlandjahres in Russland über die Inszenierung von Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" am Saratower Kiselev Theater:

"Ich habe die Vorstellung sehr genossen. Ich denke, sie zeigte viele erstaunliche Techniken, Ideen und Effekte. In der Tat ist es eine sehr eindrucksvolle Inszenierung mit einem bemerkenswerten Ende. Vieles in der Arbeit ist sehr Brecht-artig, fast wie in der 'Dreigroschenoper'. Es ist eine Inszenierung von sehr hoher Qualität, gespielt von einem sehr guten Ensemble, was mich sehr überrascht hat. Ich besuche Saratow zum ersten Mal und gerade begreife ich, dass ich offensichtlich bis dato etwas sehr signifikantes verpasst habe. Ich kann ehrlich sagen, dass dieses Schauspielensemble besser spielt, als viele in Moskau. Ich betrachte diese Aufführung als einen großen Erfolg, es war eine echte Freude für mich, sie zu sehen.

Das Ziel des Deutschlandjahres in Russland ist nicht, etwas zu demonstrieren, noch zu belehren, aber einen lebendigen Austausch zwischen den Menschen zu ermöglichen, und ich denke, dass wir in dieser Inszenierung einen Dialog von russischer und deutscher Kultur sehen können, deren Ineinandergleiten. Meiner Meinung nach ist die Schauspielkunst in Russland zu einem sehr hohen technischen Grad entwickelt, aber das Theater selbst als Phänomen ist in seiner Ästhetik etwas altmodisch geworden. Hier gibt es eine ungewöhnliche Mischung aus hoher technischer Fertigkeit und einem Mangel an inszenatorischen und darstellerischen Fähigkeiten. Der Kreativität der Schauspieler sind dadurch Grenzen gesetzt, und nicht jeder ist an Experimente gewöhnt, an neue Experimente auf der Bühne, an neue Ästhetiken. Aber in dieser Inszenierung geschieht ein besonderes Aufeinandertreffen - die Schauspieler treffen auf eine neue Art von Theater."

Tvoy Saratow, 18.04.2013

Die heilige Johanna: Post-dramatisches Theater im Saratow Kiselev Theater

Am 10. April fand die Premiere des Stückes „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ nach einem Stück von Bertolt Brecht in der Inszenierung von Andreas Merz im Saratow Kiselev Theater statt.
Amerika der 30er Jahre, die Wirtschaft liegt im Fieber, der Fleischproduzent Mauler stürzt seinen Konkurrenten in den Abgrund und als Ergebnis landen tausende Arbeiter auf der Straße. Mauler gelingt es wiederholt Kapital aus scheinbar hoffnungslosen Situationen zu schlagen: oft balanciert er dabei nah am eigenen Bankrott, aber mit immer neuen Taschenspielertricks knackt er den Jackpot ein ums andere Mal. Johanna verteilt in Gottes Namen kostenlose Suppen an die Arbeiter. Aber als ihr bewusst wird, dass ihre Wohltätigkeitsorganisation vom Elend der anderen profitiert, protestiert sie und beginnt auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Das Schicksal der Arbeitslosen teilend stirbt sie auf den Schlachthöfen an einer Lungenzündung und wird später zu einer Heiligen erklärt.

 

Das Stück ist im Stil des post-dramatischen Theaters inszeniert: die Schwere des Brecht-Textes und die Komplexität der Handlung über Wirtschafts- und Aktienspekulation rücken an die zweite Stelle. Der Schlüssel ist, sich dem Rhythmus der Inszenierung zu überlassen und sich mit den Charakteren durch diese Dunkelheit zu wühlen, auf den Wellen schaukelnd: das langsame Aufbauen des Pathos (oben!) verwandelt sich in seine eigene Parodie (unten!). Eine Videokamera zeigt die Schauspieler auf der Hinterbühne in Nahaufnahme; das Bild wird auf zwei große Leinwände projiziert, und aus irgendeinem Grund wirken diese schwarz-weiß Bilder wie Stummfilme. Der Text ist wichtig und zugleich braucht man ihn nicht: plötzlich werden die Details von Maulers Spekulation dreimal wiederholt als sei es ein Fluch, und dann hören wir einen langen Monolog auf deutsch, und es ist nicht weniger natürlich!
 

Die kompromisslose und naive Johanna (Alexandra Karelskih) singt wie eine von Gott geküsste Törin und lässt das Publikum dabei nervös erzittern, um es im nächsten Moment kraftvoll und selbstbewusst zu agitieren: „Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt!“. Die reine Seele ist zum Sterben verurteilt in einer von kalter Berechnung beherrschten Welt... aber das ist nicht wichtig, weil im nächsten „Media Markt“ gibt es Fernseher im Sonderangebot! 
 

Bolschewiken schwenken die rote Fahne, Arbeiter singen die „Internationale“, der Fleischproduzent Graham, gespielt von Tatyana Chupikova, legt (augenscheinlich im Wahnsinn) ein knallrotes Kleid an, Mauler dreht ab zu “California Dreamin'“, und am Ende der Vorstellung singt das Publikum gemeinsam mit den Schauspielern: „Unsere Welt ist wie ein Märchen-Himmel“ … Im Publikum gibt es keine gleichgültigen Leute mehr: die Bilder, die der deutsche Regisseur dem Saratower Publikum präsentiert hat, setzen sich für lange Zeit im Bewusstsein fest, sprengen das Grau des tagtäglichen Hungers nach Geld.

Saratow heute, 17.04.2013

Wohin die guten Vorsätze führen

Am 10. April 2013 hatte die Inszenierung "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" basierend auf einem Stück B. Brechts am Saratower Kiselev Theater Premiere. Die Aufführung wurde im Rahmen des deutschen Kulturjahres in Russland 2012/2013 präsentiert. Der deutsche Regisseur Andreas Merz war dem Saratower Publikum bereits durch seine Inszenierung von Shakespeares "Titus Andronicus" bekannt. [...]

Ein paar Worte über das Stück: "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Die Große Depression. Chicago. Die Fleischproduzenten machen ihre Schiebereien, um einander zu betrügen und zu ruinieren. Die Arbeiter, 70.000 Menschen, versuchen zu überleben und für ihre Rechte zu kämpfen. Und zwischen diesen beiden Lagern gibt es eine religiöse Organisation - "Die Schwarzen Strohhüte" - die durch das Geld der Reichen finanziert versucht, die Arbeiter mit Hilfe kostenloser Suppen zu beruhigen. Die Heldin des Stückes, Johanna Dark, entstammt eben dieser Organisation. Sie ist eine lokale Jungfrau von Orleans, die versucht, die Dinge so einzurichten, dass alle glücklich sein können in dieser Welt. Doch plötzlich kommt die Einsicht: die Starken geben nur vor, anständig zu sein, und die Religiösen tun nur gottesfürchtig, um das Geld der Reichen abzukassieren. Nur die Arbeiter geben nichts vor. Die hungern nur. Und sind bereit jedem zu folgen, der ihnen die Möglichkeit gibt zu essen - der Staatsmacht, der Kirche oder den Kommunisten. Und die guten Vorsätze? Die entpuppen sich als direkter Weg in die Hölle. Alle Bemühungen der Chicagoer Jeanne d'Arc wenden sich gegen sie. Aber das bemerkt sie erst, als es keinen Weg zurück mehr gibt.

 

Einfach gesagt, beschreibt das Stück die schrittweise Veränderung der Johanna Dark - von ihrem anfangs religiösen Standpunkt à la "Lasst uns zusammen beten und alles wird gut" bis hin zum revolutionären "Nur im Kampf könnt Ihr Euer Recht erobern".

So ein revolutionäres Thema habe ich, ehrlich gesagt, von einer Inszenierung am Kiselev Theater nicht erwartet - auch nicht von dem deutschen Regisseur Andreas Merz. Und obwohl er in seinen Gesprächen mit den Massenmedien vor Beginn der Vorstellung beharrlich verneinte und erklärte, dass es nicht sein Ziel sei, zur Revolution aufzurufen, hat er genau das erreicht. Aber diese Revolution fand nicht auf der Bühne statt, sondern in den Köpfen der Zuschauer.

Die Inszenierung steht im Geist des Minimalismus. Einige Stühle, ein paar Kartonboxen, die entweder eine Kirche oder die Börse darstellen. Und ein Stier... eine kaschierte Version des berühmten New-Yorker Stiers, dem Symbol des Aktienmarktcasinos. Sie haben ihn auf Räder gestellt und ihn auf den Schlachthof verfrachtet. Natürlich - wo sonst wäre ein angemessenerer Ort für einen Stier? Nur im Schlachthaus. Aber das Symbol der Börse!? Die Börse auf der Schlachtbank...

Der Gedanke des Aktienmarktes, der sich selbst zerstört, führt als rote Linie durch das Stück. Und das ist heute, vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise, so aktuell wie nie zuvor. Das Stück wurde 1931 geschrieben. Heute ist 2013. Aber das Problem ist noch immer das gleiche - der Markt hält sich nicht an seine eigenen Regularien. Entgegen all der Versicherungen der Ökonomen.

Religion und Glaube? Seit dem Moment als sich die religiösen Führer und die Vermögenden auf einen Preis geeinigt haben, was es kostet die Notleidenden zu überzeugen, auszuhalten und zu vergeben, seither helfen Religion und Glaube auch nicht mehr. Weil alles belohnt werden wird - nachher, nach dem Tod. Weil alle ihre gerechte Strafe erhalten werden - nachher, nach dem Tod. Und jetzt lasst uns alle niederknien und beten, weil es so viel Gutes um uns herum gibt, wir müssen nur lernen es zu sehen.

 

Was sollen wir also tun? Wir können nur für unsere Rechte kämpfen, wie die Arbeiter im Stück. Weil es normalerweise einfach keinen anderen Weg gibt.

 

All das wurde dem Publikum von Andreas Merz gekonnt durch seine Inszenierung vermittelt. Mit minimalen Mitteln des Bühnenbildes, mit musikalischen Effekten, mit dem Spiel der Darsteller. Als ich die Vorstellung sah, konnte ich das Gefühl nicht loswerden, "drangekriegt" zu werden. Während der Zeit der Aufführung habe ich es geschafft, sechs mal entmutigt zu sein, und sieben mal immer wieder überwältigt zu werden.

 

Eine richtig bösartige Form des "Drankriegens" vollzog sich am Ende der Vorstellung, als der Darsteller des Majors der "Schwarzen Strohhüte" dem Publikum anbot gemeinsam ein fröhliches Lied zu singen, in dem es heißt, wir sollten einander umarmen, - da jetzt da die Vorstellung zu Ende ist und jeder wieder zurück in sein echtes Leben geht, außerhalb des Theaters, wo Menschen hungern, wo es Kriege gibt, Konflikte und Unglücke überall um uns herum sind - lasst uns also singen über die wundervolle und freundliche Welt, in der wir leben. Als es im Zuschauerraum tatsächlich zu singen anfing, hoffte ich, dass der Regisseur auf die Bühne tritt und erklärt, dass es sich hierbei nur um ein weiteres Beispiel für Werbung und Propaganda handelt, das das Publikum so einfach geschluckt hätte. Aber das tat er nicht. Vielleicht weil er es für zu grausam gehalten hatte. Diejenigen, die ein wenig Verstand hatten blieben stumm. Aber diejenigen, die offensichtlich mit weniger gesegnet sind, umarmten einander und sangen das Lied über die freundliche, freundliche Welt, die wir nur lernen müssen zu sehen.

 

Focus Goroda, 13.04.2013

Deutsche Premiere am Saratow Kiselev Theater. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

Der deutsche Stückeschreiber und Dichter Bertolt Brecht beendete die Arbeit an der „heiligen Johanna der Schlachthöfe“ 1931. Im selben Jahr beging die katholische Kirche den fünfhundertsten Geburtstag von Jeanne d'Arc. Brecht entwarf seine eigene Jeanne, oder, richtiger gesagt, Johanna. Diesmal erschien die junge französische Freiheitsikone in der Rolle einer Amerikanerin, Kämpferin für die Armen in Zeiten einer extremen Wirtschaftskrise. Am 10. April präsentierte das Saratow Kiselev Theater eine Inszenierung dieses Stückes dem Urteil des Publikums.

Die Wahl des Textes beruhte auf einem Vorschlag des eingeladenen Regisseurs Andreas Merz, einem Landsmann des Autors. Brecht schreibt über Amerika, aber die Art und Weise, die er dafür wählt ist typisch deutsch – trocken, dynamisch, mit einem Minimum an Sentimentalität.

 

Groß-Manager im Reich der Fleischfabrikation, träumen nur davon, einander auszuspielen. Der gewiefteste von ihnen allen, Mauler (Valery Emelyanov) erfährt aus einem Brief, dass der Markt mit Fleischkonserven überfüllt ist. Er verkauft seine Anteile an seinen Rivalen Cridle (Alexey Karabanov) und heuchelt als Erklärung, dass er das „blutige Geschäft“ nicht mehr ertragen könne und in Melancholie versunken sei. Während Mauler immer reicher wird, verliert der Fleischproduzent Lennox (Alexey Chernyshov) alles. Und 70.000 Menschen sind ohne Arbeit.

 

Das Mädchen Johanna (Alexandra Karelskih) stellt sich auf die Seite der Elenden. In ihrem Kopf gibt es wenig Ordnung – Träume von globaler Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vermischen sich dort mit gottesfürchtigen religiösen Auswüchsen und Ambitionen. Sie verteilt warme Suppen an die Arbeiter und versucht sie davon zu überzeugen, dass der einzige Grund für ihre schlimme Lage sei, dass sie nicht genug Liebe für Gott im Herzen trügen. Aber die Armen haben keine Zeit an Höheres zu denken, sie sind einem irr-leitenden Populismus verfallen, der die „Ausbeutung der Ausbeuter“ fordert.

 

Die Unzufriedenen rebellieren und bekommen die Quittung von der Polizei. Die neue Bühne des Saratow Kiselev Theaters beweist sich als ideal für die Streik-Szenen. Auch gibt es ein eindrucksvolles Trommel-Arrangement in der Inszenierung, eingerichtet und geprobt von dem bekannten Saratower Percussion Meister und Solokünstler des Philharmonie Orchesters Yaroslav Boldyrev. Die Entscheidung Live-Video zu verwenden ist ebenfalls eindrucksvoll. Die Kameras folgen den Schauspielern Schritt für Schritt und das Publikum beobachtet die Handlung auf großen Leinwänden.

 

Im Ganzen aber richtet sich die Inszenierung der „heiligen Johanna“ nur an ein bestimmtes Publikum. Das liegt nicht an der Darstellung der Schauspieler, diese waren, nebenbei bemerkt, auf höchsten Niveau. Die fragile und verletzliche Alexandra Karelskih ist ideal für die Rolle der leidenschaftlichen aber in sich verlorenen „Revolutionärin“. Und Valery Emelyanov mit seinem kalten stechenden Blick und seiner „metallischen“ Art zu sprechen erfüllte herausragend das Bild des Manager-Helden, der in der Lage ist für einen anständigen Profit selbst seine Mutter zu verkaufen.

 

Der Grund liegt eher in der Art der Inszenierung, im Charakter des Stückes und im postmodernen Blick des Regisseurs auf das Theater. Die Postmoderne misstraut der Realität, und diese Eigenschaft macht es dem Publikum unmöglich apathisch zu bleiben. Die Mehrheit der Theaterbesucher in der Provinz erwarten aber immer noch, etwas leichtes und aufregendes zu sehen. Sie wollen abgelenkt werden und etwas Erholung haben. „Die heilige Johanna“ aber bietet dir keine Möglichkeit dich zu entspannen, sie wird dich packen und in die eiserne Presse der post-dramatischen Kunst spannen und sie wird dich unruhig auf deinem Stuhl hin und her rutschen lassen.

 

Komplette Leere kommt am Ende, wenn sich die Charaktere um eine riesige Kuh versammeln und beginnen ein Lied über Freundschaft zu singen und die Zuschauer einladen mit ihnen zu singen und im Rhythmus der Musik zu schunkeln, den Arm um die Schultern des Nachbarn gelegt.

 

Ekaterina Ferenetz
 

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